Interview: Johannes Gillar, stellvertretender Chefredakteur digital AUTOMATION
digital AUTOMATION: Zu den Vorteilen von Blockchains gehört, dass sie kryptographische Prinzipien verwenden. Die Verwendung von Daten in der Blockchain ist deshalb nur über einen privaten Schlüssel möglich, was eine detaillierte Zugangskontrolle ermöglicht. Welche weiteren Vorteile bieten Blockchain-Technologien (BT) im industriellen Umfeld?
Thierry Buecheler: Aus meiner Sicht ist die Verteilung der Blöcke auf viele Rechner ein wichtiger technischer Aspekt, welcher die Sicherheit und Glaubwürdigkeit des Konstrukts weiter erhöht. Ebenso wichtig ist für kommerzielle Anwendungen aus unserer Erfahrung mit Blockchain-Projekten allerdings die explizite Adressierung von ‚Vertrauen‘ zwischen den teilnehmenden Parteien. Die Frage ‚Was ist ein Konsens?‘ oder ‚Wann ist ein Smart Contract erfüllt?‘ oder scheinbar trivialere Punkte wie ‚Wer teilt welche Daten?‘ muss offen diskutiert werden, damit eine Blockchain-Anwendung praktisch implementiert werden kann. Dies bedingt ‚gute‘ Gespräche zwischen den Partnern, die am Prozess teilnehmen.
digital AUTOMATION: Blockchain-Systeme haben aber auch Schwachstellen und ihre Verwendung birgt Risiken. Welche Nachteile (Energiebedarf, Begrenzung der Blockgröße auf ein Megabyte, Skalierbarkeit, etc.) sind das?
Buecheler: Bisher war ich bei insgesamt fünf größeren Blockchain-Projekten involviert. Bei keiner Implementierung spielte einer der oben genannten Punkte eine Rolle. Und mir sind auch keine weiteren Projekte bekannt, die an solche Limitierung gescheitert sind, obwohl einige davon große globale Lieferketten mit unzähligen privaten und öffentlichen Partnern abbilden. Bei privaten Blockchains, wie sie in kommerziellen Applikationen meist zum Einsatz kommen, müssen beispielsweise keine aufwendigen Konsensprozesse wie etwa Mining für Proof of Work befolgt werden. Ein extremer Energieverbrauch fällt damit als ein Punkt schon weg. Wesentlich schwieriger gestaltet sich in realen Projekten dagegen eher die oben bereits erwähnte explizite Adressierung von Vertrauen und Konsens. An der Stelle können Umsetzungen tatsächlich scheitern.
digital AUTOMATION: Welche Bedeutung hat die Blockchain-Technologie für Produktions- und Administrationsprozesse in der Industrie, Logistikabläufe, Fertigungssteuerung, intern im Unternehmen, aber auch extern, in der Liefer- beziehungsweise Zulieferkette zwischen mehreren Unternehmen?
Buecheler: Logistik und Lieferketten sind unserer Erfahrung nach Vorreiter in Sachen Blockchain. Hier sind wir in der praktischen Realisierung schon viel weiter als beispielsweise in der Finanzindustrie, welche im Allgemeinen prominenter diskutiert wird. Neben den oben bereits genannten gehören zu den konkreten Vorteilen die explizit zu definierenden Abläufe. Zudem lassen sich alle Prozesse dank fortlaufender Protokolle nachvollziehen. So können Anwender unter anderem prüfen, wann ein Block committed wird, wie die Smart Contracts aussehen sowie wann Geld fließt und für welche Ware etc. Ein weiter Vorzug ist, dass die Blockchain Anwendern die Kontrolle über die Supply Chain auf verschiedenen Ebenen (4PL/5PL) gibt oder eben eine Verteilung dieser erlaubt.





