In der Prozessautomation ist die Linienfreigabe vor dem Anfahren einer Anlage ein sicherheitskritischer Schritt. Traditionell prüfen Bediener manuell, ob sich Fremdkörper, Werkzeuge oder unbefugte Personen im Gefahrenbereich befinden. Dieses Verfahren ist personalintensiv, zeitaufwendig und fehleranfällig. Laut einem Fachbeitrag auf process.vogel.de bieten Kamerasysteme hier eine technologische Alternative.
Bildverarbeitungsbasierte Systeme erfassen den Zustand einer Produktionslinie vollständig und reproduzierbar. Kameras überwachen definierte Bereiche, werten die aufgenommenen Bilder aus und geben das Ergebnis als digitales Signal an das übergeordnete Steuerungssystem weiter. Die Freigabe erfolgt erst, wenn alle überwachten Zonen als frei erkannt wurden. Damit entsteht eine lückenlose, automatisch dokumentierte Prüfhistorie.
Für die Umsetzung kommen je nach Anforderung unterschiedliche Kameratechnologien in Betracht: 2D-Flächenkameras für planare Überwachungsbereiche, 3D-Systeme für räumliche Tiefenerkennung sowie Wärmebildkameras zur Personendetektion auch bei schlechten Lichtverhältnissen. Die Integration in bestehende Sicherheitsarchitekturen erfordert Schnittstellen zu Sicherheits-SPS oder Sicherheitsrelais gemäß den einschlägigen Normen, etwa IEC 62061 oder ISO 13849.
Ein wesentlicher Aspekt ist die funktionale Sicherheit: Kameras allein erfüllen in der Regel nicht die Anforderungen an einen sicherheitsgerichteten Sensor gemäß SIL- oder PL-Einstufung. In der Praxis werden kamerabasierte Systeme daher häufig als ergänzende Schicht in einem mehrschichtigen Sicherheitskonzept eingesetzt, kombiniert mit zugelassenen Sicherheitskomponenten wie Lichtvorhängen, Sicherheitsscannern oder verriegelten Schutzeinrichtungen.
Die Nachvollziehbarkeit ist ein weiterer Vorteil gegenüber manuellen Verfahren: Bilddaten lassen sich archivieren und im Rahmen von Audits oder nach Ereignissen auswerten. Dies entspricht den steigenden Anforderungen an Dokumentation und Rückverfolgbarkeit in regulierten Branchen wie der Pharmazie oder der Lebensmittelindustrie.
Technologisch schließt der Ansatz an breitere Entwicklungen im Bereich Machine Vision und KI-gestützter Bildauswertung an. Algorithmen zur Objekterkennung, trainierten auf anlagenspezifische Szenarien, erhöhen die Erkennungsrate und senken Falschauslösungen. Der Trend geht dabei zu Edge-fähigen Kamerasystemen, die Bildauswertung direkt im Gerät durchführen und damit Latenz und Bandbreitenbedarf reduzieren. Anbieter wie Cognex, Sick oder Keyence bieten entsprechende Plattformen, die sich in industrielle Steuerungsumgebungen integrieren lassen.
Für Automatisierungsverantwortliche ist die kamerabasierte Linienfreigabe vor allem dort interessant, wo manuelle Inspektionswege lang, Personalressourcen knapp oder Taktzeiten kurz sind. Die Technologie ist kein vollständiger Ersatz für normkonforme Sicherheitslösungen, aber ein leistungsfähiges Werkzeug zur Prozessoptimierung und Qualitätssicherung im Anfahrprozess.
Quelle: Process (Vogel, Prozessautomation) – https://www.process.vogel.de/wie-kameras-die-sichere-linienfreigabe-ermoeglichen-a-c1ac8b39cfc670495c1da9421866c10f/





