Marcus Gößler ist Trainer und Coach im Bereich Embedded Systems bei MicroConsult in München
Funktionale Sicherheit ist ein Teil des allgemeinen Sicherheitsbegriffs. Der Wortbildung liegt schon inne, dass es sich hierbei um Systeme handeln wird, die funktionieren müssen, weil sie bei einem Ausfall zu unsicheren Systemen führen können. Internationale Normen tragen heute dafür Sorge, dass nur nachvollziehbar sichere Systeme zum Einsatz gelangen. Auch wenn Normen keine Gesetze darstellen, so werden sie doch vor Gericht als Referenz angesehen, um zu beurteilen, ob ein System nach dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik gebaut wurde.
Basisnorm definiert Lebenszyklus von Systemen
Welche Norm hat für den Entwickler Gültigkeit? Es gilt, dass marktspezifische Normen Vorrang gegenüber generischen Normen haben. Im industriellen Umfeld stellt die IEC 61508 die Basisnorm dar, nach deren Vorbild eine Vielzahl von spezifischen Normen entwickelt wurde. Trotzdem steht diese Basisnorm auch für sich alleine und sollte zur Anwendung gelangen, wenn es keine spezifische Norm gibt. Im Zentrum der Basisnorm stehen ein definierter Lebenszyklus von Systemen, unterteilt in mehrere Phasen, die jeweils mit entsprechenden Anforderungen versehen sind, sowie definierte Artefakte, die bei Einhaltung der Norm erstellt werden müssen. Dabei umfasst der Lebenszyklus die Entstehung des Systems durch ein entsprechendes Konzept bis hin zur Stilllegung.
Ein weiteres zentrales Instrument ist das Bewerten der Sicherheit über Risiken und das eventuelle Senken des Risikos auf ein sozial verträgliches Niveau. Dazu werden zunächst alle möglichen Gefahren, die von dem System ausgehen können, analysiert und anschließend das Risiko bewertet. Dieses ergibt sich als Produkt aus Wahrscheinlichkeit des Eintretens der Gefahr und der Schwere der resultierenden Verletzungen. Je stärker ein Risiko gesenkt werden muss (auf das sozial verträgliche Niveau), umso höher sind die Anforderungen, die die Norm an sicherheitsrelevante Systeme stellt. Die Anforderungen werden dabei in sogenannte Integritätslevel eingeordnet. Die IEC 61508 benennt vier Level, SIL 1 bis 4, wobei letzterer die höchsten Anforderungen nach sich zieht. Die Norm erkennt an, dass es keine hundertprozentige Sicherheit gibt. Sie gibt über die Integritätslevel an, welche Maßnahmen zu treffen sind, damit die sicherheitsrelevanten Funktionen ordnungsgemäß funktionieren.
Die Dokumentation als Herzstück
Welche Vorgaben stellt die Norm? Grundsätzlich geht es um das Vermeiden von Fehlern. Dazu ist es notwendig, sich mit unterschiedlichen Fehlerklassen auseinanderzusetzen. Als oberstes Unterscheidungsmerkmal wird zwischen zufälligen (random) und systematischen Fehlern unterschieden. Die zufälligen Fehler (z.B. Ausfall eines Bauteils) werden vereinfacht auch gerne als Hardwarefehler bezeichnet. Diese Fehler kann man nicht wirklich vorhersehen oder verhindern, sondern nur deren Auftreten über geeignete Bauteilauswahl und Systemdesignmaßnahmen verringern. Im Gegensatz dazu lassen sich systematische Fehler (solche, die menschlich verursacht sind) eindämmen, wenn strukturiert und nach Prozessen gearbeitet wird. Dazu gehören entsprechend hohe Anforderungen an die Dokumentation, das Management und die Verifikation in allen Phasen des Lebenszyklus. Häufig wird von Ingenieuren nur der damit verbundene hohe Aufwand gesehen, der eigentliche Nutzen aber darüber vergessen.





