Interview: Armin Barnitzke, stellvertretender Chefredakteur, Automationspraxis
elektro AUTOMATION: Professor Kröger, Sie kennen aus Ihrer Zeit bei Google X das Silicon Valley – was braut sich dort mit Blick auf die Robotik zusammen?
Prof. Torsten Kröger: Schwer zu sagen: Es gibt zwar an die 100 Robotik-Startups im Silicon Valley und viel Venture Capital. Aber noch ist im Silicon Valley nichts Bedrohliches herangewachsen, was sicher auch der Mentalität der Investoren geschuldet ist. Die Investoren im Silicon Valley denken in einem Zeitraum von zwei Jahren. Aber in zwei Jahren ist es einfach schwierig, eine zertifizierte und sichere Robotersteuerung zu bauen – egal wieviel Geld und Manpower man hat. Zudem wird im Silicon Valley das Thema Qualität und Safety oft zu sehr vernachlässigt, man hängt dort noch zu sehr an der ‚Android-Denke‘. Will heißen: Wenn beim Android Smartphone ein Fehler passiert, dann stürzt eben die App ab oder der Anruf wird unterbrochen. Beim Roboter kann ein Fehler Menschenleben kosten. Das sind zwei völlig unterschiedliche Konsequenzen, die daher eine andere Herangehensweise erfordern. Es ist sicher auch eine der Stärken in Deutschland, dass wir mehr Verständnis für Qualität und Mechatronik, Hardware und Echtzeit haben – und eben einfach penibler sind. Natürlich kann man mit der Android-Denke viel schneller erste Ergebnisse liefern und nach wenigen Monaten ein sexy Video drehen, in dem der Roboter fantastische Sachen macht. Aber wenn man dies in marktfähige Produkte gießen will, läuft man mitunter Gefahr, in einer Sackgasse zu enden.
elektro AUTOMATION: Welche Rolle spielt denn China in diesem Kontext?
Kröger: Erstens haben die Chinesen das Thema Safety erkannt und nehmen es – anders als vor zwei bis drei Jahren – inzwischen ernst. Und auch beim Thema Machine Learning sind die Chinesen mit den Amerikanern gleichauf oder gar überlegen – zumindest auf der akademischen Seite: Zum Thema Machine Learning kommen derzeit mehr wissenschaftliche Papiere aus China als aus den USA. In China wächst also eine ganz neue Generation von Ingenieuren heran, die Machine Learning versteht. Zudem wird das Thema vom Staat strategisch gesteuert. Und für strategisch wichtige Themen stellt China solche Ressourcen bereit, dass es mich nicht wundern würde, wenn wir in fünf Jahren einige spannende Robotik-Innovationen aus China sehen. Ebene auch, weil man in China langfristiger denkt und investiert als im Silicon Valley.
elektro AUTOMATION: Welche Rolle spielt insbesondere das Maschinelle Lernen in der Robotik?
Kröger: Spannend ist vor allem die Schnittstelle aus Maschinellem Lernen und Robotik. Ziel ist, den Programmieraufwand für Roboter zu verringern. Es ist schließlich kein Geheimnis, dass heute bei der Realisierung von Roboterapplikationen mit gängigen Robotersystemen nicht der Roboter selbst und die zugehörige Hardware die Kostentreiber sind, sondern der Programmieraufwand. Vereinfachen lässt sich dies etwa über grafische Oberflächen, mit denen man intuitiv auf einem Tablet Symbole quasi zu einem Ablaufdiagramm zusammen schiebt. Einfache Aufgaben kann man damit auch prima umsetzen – aber richtig komplexe Applikationen, etwa schwierige Fügeaufgaben, sind auf diese Weise nur mit größerem Aufwand zu realisieren. An dieser Stelle kommen dann die Ansätze des Machine Learnings ins Spiel – diese haben das Potenzial, auch komplexe Aufgaben abbilden zu können.





