Klaus-Dieter Walter ist Geschäftsführer der SSV Software Systems GmbH in Hannover
Als im November vergangenen Jahres der geschäftsführende Bundesinnenminister Thomas de Maizière und der Leiter des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), Arne Schönbohm, in Berlin den BSI-Lagebericht zur IT-Sicherheit in Deutschland vorstellten, waren Meltdown und Spectre nur Insidern bekannt und Intel-Chef Krzanich noch im Besitz seines gesamten Aktienoptionspakets. Insofern konzentriert sich der BSI-Bericht nahezu vollständig auf die klassischen Themen aus den Vorjahren (Gefährdungslagen, Maßnahmen des BSI usw.). Dabei kommen teilweise ältere und hinreichend bekannte Vorfälle zu Sprache. Aber es wird in dem Dokument auch explizit auf die Gefahren und Schwachstellen hingewiesen, die sich durch das Internet der Dinge, die fortschreitende Digitalisierung und durch Angriffe auf industrielle Steuerungsanlagen ergeben.
Unzählige vernetzte Mikrorechnersysteme haben nach wie vor werksseitig eingestellte Standardpasswörter, die man teilweise sogar in den per Internet zugänglichen Bedienungsanleitungen findet. Möglichkeiten zur Software-Aktualisierung, um Sicherheitslücken zu beseitigen, werden erst gar nicht angeboten. Hinzu kommt, dass die meisten Nutzer von IoT-Baugruppen es noch nicht einmal merken, wenn z. B. ein Smart-Home-Thermostat oder die Smartphone-App eines Wearables von Cyberkriminellen als ferngesteuerte Angriffswaffe benutzt wird.
Immer mehr IoT-Bot-Netze
Spektakuläre Cyberangriffe auf einzelne IoT-Lösungen wurden in den vergangenen Monaten nicht beobachtet. Obwohl die Anzahl der IoT-Funksensoren, -Funkaktoren und -Cloud-Lösungen durch Smart-Home- und Smart-Factory-Lösungen mit bemerkenswertem Tempo zunimmt und sogar neue IoT-Funkstandards zum Einsatz kommen, sind bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine gezielten DDoS-Angriffe oder andere Ransomware-Attacken auf die Komponenten und Infrastrukturen identifizierbar. Smart-Home-IoT-Lösungen waren zwar durch den Angriff auf Telekom-Router im Herbst 2016 betroffen, aber wohl nicht das primäre Angriffsziel. Es ist aber vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis staatliche Cyberkrieger oder Cyberkriminelle entsprechende „Geschäftsmodelle“ gefunden haben, um auch im IoT-Segment aktiv zu werden.
Völlig anders sieht es hingegen mit der missbräuchlichen Nutzung von IoT-Komponenten innerhalb von Botnet-Angriffen aus. Bemerkenswert ist hier vor allem die Geschwindigkeit, mit der die Anzahl der als Bot genutzter IoT-Baugruppen solcher Angriffsnetzwerke in den vergangenen Jahren angewachsen ist. 2014 hatte das damals größte beobachtete IoT-Botnet gerade einmal 75.000 befallene Verbundsysteme. Im August 2016 war mit Mirai schon ein fast 700 % größeres Botnet aktiv: Mehr als 500.000 infizierte Mikrorechnersysteme in digitalen Videorecordern, Überwachungskameras, Routern und anderen IoT-Devices bildeten erstmals einen fernsteuerbaren Netzwerkverbund, mit dem der Betrieb des Internets nachhaltig gestört wurde. Alle von der Mirai-Schadsoftware betroffenen Bot-Systeme hatten ein eingebettetes Linux-Betriebssystem ohne besondere Sicherheitsvorkehrungen inklusive fest kodierter Passwörter (hard-coded Passwords) als Schwachstellen, die von den Mirai-Betreibern zur Installation der Fernsteuersoftware ausgenutzt wurden.





