Michael Grupp, Freier Journalist aus Remshalden
Industrie-4.0-Konzepte basieren auf konsequenter digitaler Vernetzung. Diese startet auf Sensorebene und führt über die Unternehmensgrenzen hinaus. Die Folge sind immer mehr Datenquellen, Systeme und Teilnehmer im Netzwerk. Oft aber ist die heutige Firmensoftware wie vor 20 Jahren noch in Industrie 3.0 aufgebaut: eine Prozessebene mit Feld- und Steuerungsebene, darüber Leitsysteme und für prozessnahe Aufgaben Lösungen wie MES/QS-Anwendungen, überlagert von ERP/CRM-Software.
Die smarte Fabrik erfordert eine Kombination aller Systeme und einen Informationsaustausch über alle Schnittstellen. Die virtuellen Strukturen brauchen neue Ansätze in der Software-Architektur, auch wenn viele ERP- und/oder MES-Anbieter nach wie vor auf Modulkonzepte setzen. Aber der Markt bewegt sich: 70 % der ERP-Hersteller und -Reseller entwickeln ihre Softwarelösungen gezielt Richtung Industrie 4.0. Allen voran SAP mit einem Marktanteil von rund 20 %, gefolgt von Oracle (14 %), Microsoft (10 %) sowie Infor und Epicor. Der Markt beschränkt sich aber nicht nur auf Global Player. Konzerne können heute unter rund 250 ERP-Lösungen wählen. Es geht von kostenlosen Standardprogrammen bis zur investitionsintensiven professionellen Lösung. Mehr Erfolg haben kleinere Anbieter, die im „persönlichen Kontakt vor Ort“, auf den gerade KMUs Wert legen, punkten. Kleinere Softwarehäuser konzentrieren sich oft auf eine bestimmte Branche und bringen so Verständnis für unternehmensspezifische Kontexte mit. Beides bemängeln Anwender in Bezug auf die Marktführer oft. Sicher ein Aspekt für den halbierten SAP-Marktanteil in der letzten Dekade. Das heißt aber nicht, dass große Anbieter zwangsläufig große Kunden bedienen. Microsoft Dynamics NAV nutzen sowohl kleineren Firmen als auch der gesamte Mittelstand, während SAP R/X auch der gehobene Mittelstand einsetzt. Die Oracle E-Business Suite wird im gesamten Spektrum des Marktes eingesetzt. Die aktuelle Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Dortmund-Studie in Kooperation mit dem Team ERP Logistics des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik IML zählen die Trends in der Software-Entwicklung für zukünftige Industrie 4.0-Architekturen auf. Zur Ausrichtung ihrer künftigen Lösungen wurden 40 deutsche, überwiegend mittelständische ERP-Anbieter befragt. 85 % befassen sich mit Business-Intelligence-Anwendungen und wollen eine schlankere und einfachere Auswertung operativer Daten unterstützen. Dazu kommen die Entwicklung von Standardschnittstellen, Supply-Chain-Management-Funktionen, Big Data und die Integration von MES-Funktionen. Die Funktionsweiterentwicklung für Prozesssimulation oder Social-ERP rücken dafür zurück.
ERP und MES Hand in Hand
Rund zwei Drittel der Anbieter entwickeln laut der Studie ihre ERP-Lösungen zu einem ganzheitlichen System. Hier übernimmt die Software weitere Funktionen. Gefragt sind die MES-Integration sowie Shopfloor-Funktionen. Der Prozess zum ganzheitlichen System, das ERP und MES vereint, ist nicht mehr aufzuhalten und wird die Industrie 4.0-Architektur prägen. Voraussetzung ist jedoch die Einführung standardisierter Schnittstellenformate. Im Wege steht die Vielzahl proprietärer Industrie-4.0-Entwicklungen. Dazu zählen Cyber-Physische Systeme (CPS), die auf Produktionsebene ein hohes Datenvolumen erzeugen. Einen analogen Trend sieht die Bitkom im Positionspapier „Die Zukunft von ERP im Kontext von Industrie 4.0“. Der Verband stellt fest, dass ERP-Systeme als Produktionsplanungs- und -steuerungskomponente (PPS) schon das Advanced-Planning-and-Scheduling (APS)-System oder – je nach IT-Architektur – den Fertigungsleitstand führen. So verzahnen planende und ausführende Produktionsprozesse noch enger. Auch die Bitkom erwartet eine höhere Effizienz durch die Digitalisierung der klassischen industriellen Produktions- und Logistikprozesse sowie eine steigende Produkt- und Serviceindividualisierung. Tauschen sich Produktionsanlagen und Cyber Physical Systems (CPS) mit den Produkten über Status und nächste Arbeitsschritte aus, steht am Ende die „Smart Factory“. Darin finden die mit CPS oder ID-Systemen versehenen Werkstücke und Betriebsmittel autonom den optimalen und wirtschaftlichsten Fertigungsweg. Das Positionspapier vertritt auch die These, dass ERP-Software künftig alle horizontalen, vertikalen sowie unternehmensinterne und -übergreifende Business-Software-Anwendungen plant. Dazu zählen die vertikale Integrationsleistung sowohl nach oben in die Connected World und zu PLM-Funktionen, als auch nach unten zu den MES-Systemen auf Fertigungsebene. Je nach Branche und Anwendungsfall des Unternehmens erfolgen verschiedene Integrationstiefen: Entweder erfasst das ERP-System Aufgaben des Manufacturing Execution Systems selbst, oder ein MES wird mit dem ERP-System synchronisiert.





