Die deutsche Elektro- und Digitalindustrie hat im Mai 2026 den stärksten Auftragseingang seit zwei Jahren gemeldet. Laut ZVEI-Chefvolkswirt Dr. Andreas Gontermann stiegen die Bestellungen gegenüber dem Vorjahresmonat um 19,0 Prozent. Haupttreiber war dabei die Auslandsnachfrage: Kunden aus Ländern außerhalb der Eurozone orderten 43,0 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum, während die Bestellungen aus dem gemeinsamen Währungsraum um 1,6 Prozent zurückgingen. Inlandsaufträge legten moderat um 7,8 Prozent zu.
Im kumulierten Zeitraum Januar bis Mai 2026 ergibt sich ein Gesamtplus von 8,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Auslandsbestellungen wuchsen dabei um 14,9 Prozent, getragen von Drittländern mit plus 17,8 Prozent sowie dem Euroraum mit plus 9,5 Prozent. Die Inlandsaufträge blieben mit einem Anstieg von lediglich 1,0 Prozent weitgehend stagnierend – ein Hinweis darauf, dass die konjunkturelle Belebung primär exportgetrieben ist und die heimische Investitionsnachfrage noch nicht nennenswert Fahrt aufnimmt.
Für Unternehmen im Bereich industrielle Automatisierung, Antriebs- und Steuerungstechnik sowie Sensorik ist diese Datenlage branchenökonomisch relevant: Die Elektro- und Digitalindustrie liefert wesentliche Vorleistungsgüter und Komponenten für Automatisierungslösungen. Ein anhaltend hohes Auftragsvolumen im Sektor signalisiert mittelfristig eine steigende Verfügbarkeit von Halbleitern, elektronischen Baugruppen und Steuerungskomponenten – Güter, die in der Automatisierungstechnik als kritische Inputs gelten.
Bemerkenswert ist die Diskrepanz zwischen Auftragseingang und Produktionsentwicklung. Laut ZVEI bleibt die Produktion trotz des Bestellbooms noch verhalten. Dieses Muster ist aus Zyklen der Investitionsgüterindustrie bekannt: Zwischen Auftragseingang und tatsächlicher Fertigungsaktivität liegen in der Regel mehrere Wochen bis Monate, abhängig von Produktkomplexität, Lieferkettenverfügbarkeit und Kapazitätsauslastung. Für Automatisierungsanwender bedeutet dies, dass sich Lieferzeiten für elektronische Komponenten kurzfristig noch nicht entspannen dürften.
Die starke Nachfrage aus Drittländern außerhalb der Eurozone dürfte auch auf Vorzieheffekte im Zusammenhang mit internationalen Handels- und Lieferkettenstrategien zurückzuführen sein. Viele Industrieunternehmen weltweit bauen gegenwärtig Bestände auf oder beschleunigen Investitionen, um Unsicherheiten in globalen Lieferketten zu kompensieren – ein Trend, der auch der Automatisierungsbranche zugutekommen kann, da modernisierte Produktionsanlagen häufig mit erhöhtem Bedarf an Steuerungs-, Sensor- und Antriebstechnik einhergehen.
Insgesamt liefert der ZVEI-Bericht ein Indiz dafür, dass sich die konjunkturelle Talsohle im Elektro- und Digitalsektor möglicherweise hinter der Branche liegt. Ob der Auftragsschub in nachhaltige Produktionszuwächse und letztlich in eine breitere Investitionsbelebung in der Fertigungsindustrie mündet, wird von der Entwicklung der Auslandsmärkte, der Inlandsnachfrage sowie der Produktionskapazitäten abhängen.





